Anke Brunn - Biografie
Von Hamburg über Paris nach Köln
Ich wurde am 17. September 1942 in Behlendorf (Schleswig Holstein) geboren und bin in Hamburg aufgewachsen. Nach dem Abitur und einem Semester in Hamburg setzte ich mein Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften seit 1961 in Köln fort. Mit einem Stipendium Friedrich-Ebert-Stiftung konnte ich für ein Jahr die Universität Sorbonne in Paris besuchen. 1966 bestand ich mein Examen als Diplomvolkswirtin und arbeitete anschließend bis 1975 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Rechenzentrum der Universität zu Köln.
Erste politische Erfahrungen – Kinderladenbewegung
Noch als Studentin begleitete ich meinen Mann bei seinen Studien nach Rio de Janeiro. Dort wurde 1965 mein Sohn geboren, und weil es in Köln für ihn keinen Krippenplatz gab, stieg ich in Köln in die Kinderladenbewegung ein. Wir gründeten in Köln einen der ersten deutschen Kinderläden.
Weg in die SPD – jüngste Abgeordnete
1967 trat ich der SPD bei, wurde Juso-Vorsitzende in meinem Ortsverein, Mitglied in OV-Vorstand und 1969 Kandidatin für den NRW-Landtag, in den ich 1970 als damals jüngste deutsche Abgeordnete einzog. Es war eine politische Aufbruchzeit. Das machte es mir und anderen ganz frischen, jungen Abgeordneten möglich, gewissermaßen auf eigene Faust ein für viele Jahre vorbildhaftes Kindergartengesetz auszuarbeiten und verabschieden zu lassen (mehr). Hier brachte ich meine Kinderladenerfahrung ein, und in das erste Datenschutzgesetz des Landes meine Erfahrung als Expertin für Datenverarbeitung am Rechzentrum der Uni Köln.
Aus NRW nach Berlin – Jugendsenatorin und Abgeordnete
In meiner zweiten Legislaturperiode nach 1975 wurde ich stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD-Landtagsfraktion, damals bundesweit als erste Frau. Kaum als ein halbes Jahr nach der Landtagswahl 1980 rief mich Hans-Jochen Vogel mitten in der Nacht als Senatorin für Familie, Jugend und Sport in die Berliner Landesregierung. Berlin war wegen Hausbesetzungen und gewalttätiger Demonstrationen im Aufruhr. Die Regierung gewann neue Anerkennung, erfand "die Berliner Linie" eines differenzierten, konstruktiven Umgangs mit der Protestbewegung, konnte die Wahl jedoch nicht gewinnen. Ich blieb als Abgeordnete und stellvertretende Vorsitzende der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus und habe seitdem gewissermaßen immer noch einen Koffer in Berlin. In meiner Berliner Zeit war ich zusätzlich sachverständiges Mitglied der Enquete-Kommission des Bundestages „Jugendprotest im demokratischen Staat“.
Zurück in NRW
Dann, 1983, legte ich mein Mandat in Berlin nieder und wurde Landesgeschäftsführerin des Internationalen Bundes für Sozialarbeit (IB) in Düsseldorf, organisierte Ausbildung für sozial benachteiligte Jugendliche, Sprachkurse für Migranten und Hilfen für Spätaussiedler.
Kölner Abgeordnete und Wissenschaftsministerin in Düsseldorf
1985 kehrte ich als Kölner Abgeordnete in den Landtag zurück. Johannes Rau hatte erneut die absolute Mehrheit gewonnen. In seine Landesregierung berief er mich als Ministerin für Wissenschaft und Forschung. Ich blieb es dreizehn Jahre lang bis 1998. Das Ringen um Reformen und Ressourcen begleitete meine gesamte Amtszeit. Warnungen vor einer "Akademikerschwemme", Klagen über überfüllte Hörsäle waren die Themen der bundesweiten Debatte der 80erJahre. Es gelang mir, durch den Umbau von Studiengängen frei werdende Stellen für die Hochschulen zu erhalten und zugleich alle Sonderprogramme für den Ausbau des Studienangebots zu nutzen. So konnten z. B. neue Wirtschafts- und Informatikstudiengänge, zwei Fachhochschulen und drei Kunsthochschulen gegründet werden, darunter die Kunsthochschule für Medien in Köln. Das Netzwerk Frauenforschung und die Lise-Meitner Habilitations-Stipendien waren ein bundesweit beachteter Beginn einer Frauenförderung in Hochschulen. Das gebührenfreie Studium - Anfang der 70 er Jahre in Zeiten der Bildungsexpansion in großem Konsens aller Ministerpräsidenten durchgesetzt - musste ich ständig verteidigen, z. B. in meiner Streitschrift "11 Thesen für ein gebührenfreies Studium" (mehr). Meine Reforminitiativen "Aktionsprogramm Qualität der Lehre" und "Finanzautonomie" leiteten Strukturreformen ein. Nicht verwirklichen konnte ich meine Vorschläge zur Reform der Studienförderung nach dem sog. "Drei-Körbe-Modell".Als Wissenschaftsministerin des größten Bundeslandes war ich eingebunden in die Wissenschafts- und Forschungspolitik der gesamten Bundesrepublik. Ich war im Wechsel Vorsitzende und stellvertretende Vorsitzende der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK) und zugleich Mitglied des Wissenschaftsrats, der Bund und Länder in Fragen der Wissenschaft, der Forschung und der Hochschulen berät. 1998 war ich Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, als ich mit dem Ende der Regierungszeit von Johannes Rau aus dem Amt schied. Im Jahr darauf nahm ich einen Lehrauftrag an der Technischen Universität Berlin wahr, beriet von 1999 bis 2003 als Mitglied des Landeshochschulrates Brandenburg die Brandenburger Landesregierung und von 1999 bis 2001 die EU-Kommission als Mitglied der „External Advisory Group - Improving the socio-economic knowledge base“ (EAG) für das 5. Forschungsprogramm der EU.
Politik für Köln - Finanzpolitik in Düsseldorf
Im Landtag habe ich mich nach meiner Amtszeit als Ministerin vor allem der Medienpolitik und der Haushalts- und Finanzpolitik gewidmet. Von 1999 bis 2008 war ich zudem Mitglied der Landesmedienkommission der Landesanstalt für Medien und leitete dort erst den Ausschuss für Forschung und Medienkompetenz und dann den Ausschuss für Medienentwicklung. Im Jahre 2000, einem der schwierigsten Jahre der KölnSPD seit ihrer Gründung im Jahre 1877, trat ich an als Kandidatin für das Amt des Kölner Oberbürgermeisters, lag jedoch am Ende knapp hinter dem CDU Kandidaten Fritz Schramma, der von der gerade erst 1999 erfolgten Abwahl der SPD aus der Stadtführung und von der Popularität seines jäh verstorbenen Vorgängers Harry Blum profitieren konnte. 2005 aber wählten mich die Kölner zum achten Mal in den Düsseldorfer Landtag. Zurzeit leite ich dort einen der wichtigsten Ausschüsse, den Haushalts- und Finanzausschuss; Dort wird der Landeshaushalt beraten. Das Budgetrecht, d. h. darüber zu befinden, wofür die Landesregierung Geld ausgeben darf, gilt gemeinhin als "Königsrecht" des Parlaments. Ich habe vor, mich in der politischen Arbeit auf Köln zu konzentrieren. Bei der Kommunalwahl in diesem Jahr 2009 kandidiere ich im Wahlkreis Köln 20 für den Rat. Im April 2009 hat mich die SPD-Ratsfraktion zur kulturpolitischen Sprecherin gewählt und in den Kulturausschuss des Rates als sachkundige Bürgerin entsandt. Ebenfalls im April 2009 wurde ich zur Aufsichtsratsvorsitzenden der Kölner Philharmonie gewählt.
Arbeit für die Sozialdemokratie
In der SPD habe ich verschiedene Vorstandsmandate ausgeübt. Ich war in den siebziger Jahren Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (ASF) im Bezirk Mittelrhein und von 1987 bis 1999 Vorsitzende des Bezirks Mittelrhein (übrigens seit 1948 als zweite Frau in der gesamten Geschichte des SPD; zum Glück hat sich das seither geändert). 1986 bis 1999 war ich Mitglied im Bundesvorstand der SPD und von 2001 bis 2007 noch einmal stellvertretende Vorsitzende der KölnSPD. 2004 wurde ich in den Seniorenrat der SPD berufen; das ist so etwas wie ein informeller Rat von Parteiältesten.
Bürgerschaftliches Engagement jenseits der Politik
Mit meiner Erfahrung und meiner Freude am praktischen Gestalten engagiere ich mich auch gern außerhalb der Politik: Seit 2001 bin ich Vorsitzende der Gesellschaft für zeitgenössischen Tanz (GZT) . Mit dem NRW-Landesbüro Tanz und dessen Projekten "internationale Tanzmesse nrw" und "Tanz in Schulen" dient es der Förderung der Tanzkunst in NRW. .Ganz besonders wichtig ist mir, dass möglichst viele, möglichst alle Kinder in Ganztagsschulen die Chance erhalten zu tanzen. Ich arbeite mit im Präsidium des Internationalen Bundes für Sozialarbeit (IB) und im Kuratorium der Beratungsstelle für Kinder Jugendliche und Erwachsene des Evangelischen Stadtkirchenverbandes Köln. Schließlich bin ich dem Bürgerzentrum Chorweiler als Vorsitzende des Fördervereins verbunden. Außerdem bin ich in vielen Vereinen Mitglied, u. a. der AWO, und Mitglied der Gewerkschaft Verdi. Meine Hobbys: Gartenarbeit, joggen, wandern, kochen.
