„Ich habe eine tiefe innere Sicherheit“
Lisa Steinmann könnte sie als erste Rollstuhlfahrerin für die SPD in den Stadtrat einziehen. Sie hat in ihrem Viertel viel Hilfe gefunden und will etwas davon zurückgeben. Die Kauffrau wirbt für ein neues Politikverständnis.
Interview des KSTA mit Lisa Steinmann

Lisa Steinmann könnte als erste Rollstuhlfahrerin in den Kölner Stadtrat einziehen.
Köln KÖLNER STADT-ANZEIGER: Dass wir ein Interview mit Ihnen machen, dürfte mancher „positive Diskriminierung“ nennen . . .
LISA STEINMANN: Das ist mir egal.
Immerhin dürften Sie als erste Rollstuhlfahrerin in den Stadtrat einziehen.
STEINMANN: Das sollte doch normal sein.
Ist es aber nicht.
STEINMANN: Aber trotzdem lasse ich mich darauf nicht reduzieren. Ich kandidiere ja nicht, weil ich im Rollstuhl sitze.
Möchten Sie nicht als Behindertenvertreterin in den Rat einziehen?
STEINMANN: Nein. Natürlich bringe ich andere Erfahrungen durch meine Behinderung in die politische Arbeit ein, aber es ist eben nicht mein Schwerpunkt.
Woran liegt es, dass es so ungewöhnlich ist, wenn eine Rollstuhlfahrerin für den Rat kandidiert?
STEINMANN: Diese Gesellschaft hat über Jahrzehnte Andersartigkeiten weggesperrt. Heute arbeitet man integrativer und das Bewusstsein dafür muss noch wachsen. Ich sitze seit zehn Jahren im Rollstuhl und habe selbst erlebt, wie gewöhnungsbedürftig das für mein Umfeld war. Wenn man sich umschaut, sieht man auch verhältnismäßig wenige Rollstuhlfahrer im Alltag.
Liegt das auch an den Behinderten selbst?
STEINMANN: Auch. Manchen fehlen die Möglichkeiten, viele verzweifeln und ziehen sich zurück. Ich bin da eher ein Sonnenkind und habe die Situation und die Folgen meines Unfalls gut angenommen. Ich fühlte mich niemals ausgeschlossen.
Seit einem Sprung in einen See sind Sie querschnittsgelähmt. Was war für Sie die schlimmste Folge?
STEINMANN: Der Verlust der Körperlichkeit ist schon heftig. Das ist die größte Herausforderung und viel schlimmer als die Tatsache, dass man nicht mehr laufen kann. Ich habe meinen Körper immer wert geschätzt. Und plötzlich muss man ihn doppelt wert schätzen, obwohl er einem völlig fremd geworden ist. Es dauert lange, bis man das akzeptiert.
Was hat sich noch geändert?
STEINMANN: Ich habe als Widder Geduld gelernt. Müßiggang zu üben, war früher nicht so meine Stärke. Heute kann ich sagen: Wer das kann, ist reicher.
Es gibt also positive Erfahrungen durch den Unfall?
STEINMANN: Ich habe Dinge gelernt, für die ich sonst wohl noch länger gebraucht hätte. Ich glaube, dass jeder Mensch einen Weg zu gehen hat. Der Unfall hat mich zwei, drei Schritte früher an einem Punkt ankommen lassen, an dem ich Stabilität und Zufriedenheit gefunden habe.
Sie wirken unglaublich aktiv und präsent. War das schon immer so?
STEINMANN: Ich habe erst nach dem Unfall damit begonnen, mich hier politisch zu engagieren. Vorher wollte ich nach Brasilien auswandern. Da habe ich mich schon als Wahlkämpferin für Lula, den heutigen Präsidenten des Landes, gesehen. Das Ziel habe ich begraben müssen. Auf vier Rädern gewinnt das Thema Infrastruktur eine ganz andere Bedeutung.
Was hat Sie bewogen, für die SPD in die Bezirksvertretung zu gehen?
STEINMANN: Man hat mich gefragt, ob ich das machen will. Das war für mich damals die Möglichkeit, dem Viertel etwas zurück zu geben. Ich war ja schon vor meinem Unfall sehr bekannt, sehr engagiert und kein Kind von Traurigkeit. Nun saß ich im Rollstuhl. Mein Umfeld hat sehr offen reagiert: egal ob der Filialleiter im Stüssgen, mein Bäcker oder wildfremde Leute in der Bahn – alle wollten mir helfen oder haben ihren Umgang gesucht. Der Kölsche ist da ja ganz pragmatisch. „Leckerchen, wohin willste, wat brauchste“, hieß es. Das trägt einen.
Wie lange braucht man nach so einem Unfall, um eine solche Einstellung zum Weiterleben zu bekommen, wie Sie sie haben?
STEINMANN: Bei mir ging es schnell. Natürlich war der Unfall ein Einschnitt, aber ich habe bereits nach einer Woche wieder angefangen, zu kämpfen. Dabei hat mir sicher geholfen, dass mir das nicht als ganz jungem Menschen passiert ist. Ich war als Dreißigjährige ein unabhängiger, fröhlicher Mensch, was ich mir erhalten habe. Ich habe vor dem Unfall Erfahrungen gemacht, die mich mehr aus der Bahn geworfen haben. Außerdem brauche ich außer meinem Rollstuhl keine Hilfsmittel oder Hilfen. Dass ich nicht mehr die Fenster oder die Böden selbst putzen kann, genieße ich aus vollen Zügen.
Was war das erste Ziel, das Sie sich gesteckt haben?
STEINMANN: Ich hatte eine Fifty-fifty-Chance, wieder laufen zu können. Also habe ich dafür gekämpft. Es ist dann nicht so gekommen, aber daran bin ich nicht zerbrochen. Ich habe eben eine tiefe innere Sicherheit.
Sind Sie ein gläubiger Mensch?
STEINMANN: Schon. Institutionen brauche ich dafür nicht. Mir gefällt dieser buddhistische Grundgedanke, sich nicht selber so ins Zentrum zu stellen, Dinge geschehen zu lassen und dabei Energien zu erhaschen.
Was motiviert Sie in der politischen Arbeit?
STEINMANN: Mich motiviert die Aussicht, andere motivieren zu können. Ich würde den Leuten gerne Lust darauf machen, sich einzubringen und eigenverantwortlich mitzumachen in einer solidarischen Gesellschaft, die Schwächere mitnimmt.
Das klingt nach einem etwas anderen Politikverständnis. Normalerweise denken sich Politiker Programme aus, für die Sie dann Wählerstimmen gewinnen wollen.
STEINMANN: Ich mache dem Bürger mit meiner Kandidatur ja ein Angebot. Mir geht es darum, Beteiligungsmöglichkeiten zu schaffen, interessierte Bürger und Initiativen in Entscheidungsprozesse zu integrieren, Fragen vor Ort zu stellen anstatt einfach über Köpfe hinweg zu entscheiden. Der Wähler gibt mir mit seiner Stimme einen Auftrag auf Zeit.
Was kann man tun, um mit diesem Politikverständnis nicht im Politikbetrieb zu verzweifeln?
STEINMANN: Das Gefühl kenne ich. Aber ich habe auch gemerkt, dass ich mit meiner Vorstellung von Politik nicht alleine stehe. Ich will in dieser Gesellschaft etwas bewegen. Und ich war es leid, diese dickbäuchigen Politiker, die alle paar Jahre im Wahlkampf vor einem stehen und sagen „So wir machen jetzt mal Politik für euch“. Das hat mit mir nichts zu tun. Da habe ich mich als Selbständige mit meinem dynamischen Lebensumfeld nicht repräsentiert gefühlt. Und so habe ich vor fünf Jahren beschlossen: „Dann mach ich es selber!“
Das Gespräch führte Helmut Frangenberg